Interview mit Matthias Schamp zum Thema Querdenken

Querdenken

Aurel Gergey: Texte besser schreiben

Interview mit dem Aktionskünstler Matthias Schamp

Interview mit Matthias Schamp zum Thema Querdenken: Vom Künstler, Schriftsteller und praktizierenden Querdenker Matthias Schamp erfahren wir über den philosophisch-konzeptionellen Hintergrund seiner Projekte der etwas anderen Art.

Website: www.der-schamp.de

 

Interview mit Matthias Schamp, www.der-schamp.de, zum Thema Querdenken.

Hallo Matthias, ich freue mich, mit einem praktizierenden Querdenker im kulturellen Bereich dieses Interview führen zu dürfen. Am besten, wir beginnen das Thema Querdenken mit einem Beispiel aus Deiner Praxis.

Vielleicht kann ich zunächst generell zum Begriff Querdenken etwas sagen: Ich hatte einmal ein Büro für syntaktische Konfusion gegründet, was in sich eine Art von Widerspruch ist, weil Büro etwas ist, was Ordnung und Zusammenhänge stiftet, und die syntaktische Konfusion ist der Bruch in einem Regelwerk, das heißt die Syntax – also die Regeln – werden in eine Art von Konfusion versetzt.

Grundsätzlich verbinde ich damit den Gedanken, die Wahrnehmung zu öffnen: Meist ist ja da, wo man von A nach B geht im Grunde alles schon geklärt. Doch dadurch, dass man Brüche in die Wahrnehmung einbringt, öffnet sich die Wahrnehmung an diesen Stellen. Sie ist also quasi nicht mehr funktional eingebunden, sondern es entsteht ein Moment von Freiheit, in dem plötzlich das Denken anfangen kann oder das Erleben beginnt. Das wäre für mich – was ich damals mit diesem Begriff der syntaktischen Konfusion bezeichnet hatte – ein Zentralbegriff bei meinen Arbeiten.

Hast Du ein Beispiel für so einen Bruch in der Wahrnehmung?

Ja. Ich hatte damals eine Zeitung gemacht, die hieß „Non(+)Ultra – Zeitschrift für syntaktische Konfusion“, die aber auf die Erdoberfläche gedruckt wurde. Das heißt, das Magazin wurde nicht wie eine normale Zeitung in mehreren Exemplaren auf Papier gedruckt, sondern es gab nur ein einziges Exemplar. Die 20 bis 30 internationale Teilnehmer der Zeitung haben mir Beiträge geschickt in Form von Aufklebern, Stempeln oder Schablonen. Aber ein Beitrag konnte z. B. auch ein Schuh sein, wo etwas in die Sohle eingeritzt war, wodurch dann beim Gehen durch nassen Grund oder durch feuchte Erde ein Einschreibemuster erzeugt wurde. So ging ich dann ein halbes Jahr herum und brachte die Beiträge dieser Teilnehmer auf der Erdoberfläche an. Zu jeder Ausgabe gab es ein Thema und so entstand ein einziges globales Exemplar, das dann die Leser in einem unvorbereiteten Moment überraschte.

Ein Beispiel war: Ich hatte eine „Goldwaschen“-Schablone bekommen. Mit dieser bin ich am Rheinufer entlang gegangen und habe mit goldener Farbe Steine mit dem Wort „Goldwaschen“ besprüht. Diese Steine wurden dann in ca. 10 cm Wassertiefe ausgelegt. Spazierte man am Rhein entlang, lagen im Wasser Nester mit mehreren Steinen, manchmal auch ein einzelner Stein – das Ganze über mehrere Kilometer verteilt, so dass man immer mal wieder auf das Wort „Goldwaschen“ stieß.

Nun kommen wir zu einem aktuellen Projekt – die Rixdorfer Vergoldung (Ohne das ich jetzt hier den Eindruck erwecken möchte, dass das Material Gold grundsätzlich eine große Rolle für mich spielt). Rixdorf ist ein Stadtteil von Berlin, ein Teil des Bezirks Neukölln. Es ist ein relativ armer Stadtteil mit einer Menge sozialer Probleme. Ich finde aber trotzdem auch, dass es ein schöner Stadtteil mit einer hohen Lebensqualität ist. Ich war eingeladen und überlegt, was in diesem Umfeld zu machen wäre. Das Kunstprojekt heißt „Space Thinks“, also „der Raum denkt“.

Ich habe dann darüber nachgedacht, was dieser Ort braucht und meinte, das es eine poetische Aufladung ist, und so kam ich dann zu diesem Projekt der Rixdorfer Vergoldung, wo ich mit einem Ballon über Rixdorf fliegen werde und einfach für circa 1000 Euro Goldstaub in die Luft puste. Das ist natürlich verbunden mit einer Art Werbekampagne, denn diese Aktion sollte schon vorher in den Köpfen verankert werden. Das heißt, wenn die Leute den Ballon fliegen sehen, haben sie dann diesen Gedanken „Ah, jetzt geschieht‘s…“ Dabei geht es mir weniger um einen Verschwendungsaspekt und es geht mir auch nicht darum, möglichst viel Geld in die Luft zu pusten – man kann eben nicht nur 20 Euro nehmen, da nimmt es ja keiner ernst, es muss schon eine gewisse Summe sein. Es geht mir eher darum, im Sinne einer homöopathischen Dosis, dass man dem ganzen Stadtteil eine Art Aufladung zukommen lässt, die sich ja eigentlich rein visuell im ganzen Stadtteil auch verliert, denn kein Mensch wird diese Partikel am Ende irgendwo sehen können. Aber dadurch, dass es gewusst wird, erzählt wird, erinnert wird, ist diese Aufladung gegeben.

Das heißt, der Ausgangspunkt des Ganzen ist praktisch der Auftraggeber, der Dir dann die Ausgangssituation erläutert und worauf es ankommt, oder was findet am Anfang von einem solchen Projekt dann genau statt?

Das ist unterschiedlich, man kann das nicht generalisieren. Es gibt Projekte, die ich im Kopf habe, wo ich mir dann die entsprechenden Auftraggeber dazu suchen muss, weil es eben auch sehr oft sehr spezifische Vorhaben sind. Bei anderen Gelegenheiten – wie auch in Neukölln – werde ich gezielt eingeladen, um ein Projekt zu entwickeln, das man als „side-specific“ bezeichnet, das also ortsbezogen ist. In der Kunst-im-Öffentlichen-Raum steht das im Gegensatz zur „Dropsculpture“, d. h. einer Skulptur, die überall stehen könnte, ob in Castrop-Rauxel oder in Berlin oder sonst wo. Stattdessen versucht man, auf ein spezielles Umfeld hin ein „Schlüssel/Schloss-Prinzip-Arbeiten“ zu entwickeln, das genau auf dieses Umfeld passt. Dazu gehört dann natürlich, dass man dieses Umfeld erst einmal kennen lernt. In Neukölln, wo die Projekte immer relativ vorbildlich organisiert werden, werden die Künstler, die dort etwas machen sollen, vorher eingeladen und sind eine Zeitlang vor Ort und können dadurch den Stadtteil kennen lernen, indem sie ihn selbst begehen und bekommen auch z. B. durch Mitarbeiter des Heimatmuseums oder des Sozialamtes einen relativ fundierten Background vermittelt.

Und auf Basis von diesem Background hast Du entweder vorher schon Ideen oder die Idee entwickelt sich dann im Laufe der Zeit. Hast Du dann mehrere Ideen, die prinzipiell zur Verfügung stünden und Du wählst davon eine aus, oder wie verhält sich das?

Ja, stimmt. Wie dann jetzt eine Idee im einzelnen kommt, das lässt sich ja nie so genau sagen. Manchmal ist es so, dass man einfach dort durch die Gegend schlendert, wo man etwas realisieren soll, dass einen dann irgendeine Ecke dazu anspricht, wo man meint: „Das wäre doch was.“ Und dann gibt es natürlich auch bereitstehende Arbeiten, für die man nach Orten sucht, wo dann unbewusst eine Art Selektion stattfindet, wo man schaut und sich fragt: „Könnte das vielleicht hier passen?“ Und es ist manchmal auch so wie beim ersten Projekt, was ich für Neukölln machen wollte, das dann leider nicht stattfand, weil es von der Dimension her einfach schwierig wurde. Der Ausgangspunkt war damals, dass ich mir dachte: „Warum investieren die da in Kultur, wo doch so viele soziale Probleme in dem Stadtteil vorliegen?“ Ich hatte dann später dazu eine Diskussion, wo ich selber sagte, dass Künstler ja nicht die sozialen Probleme lösen können. Und irgendwann dachte ich: „Wenn die Sachen eigentlich so klar sind, muss man sie auch wieder zum Kippen bringen.“ Da habe ich also eine Arbeit vorgeschlagen, die genau daran anknüpfte, und zwar war das die „Salbung des Arbeitsamtes von Neukölln“. Diese sah vor, das Arbeitsamt komplett einzurüsten und dann eine Salbe herzustellen aus Kräutern, die man in Neukölln findet. Und weil dort überdies ein sehr großer Migrationsanteil bei der Bevölkerung ist, ebenfalls darauf zu achten, dass man auch ein türkisches Kraut oder ein libanesisches Kraut oder so etwas dazumischt, was man über die entsprechenden Läden bekommt. Und aus all diesen Kräutern sollte eine multikulturelle Salbe hergestellt werden und dann damit das Arbeitsamt eingesalbt werden… Aber weil dazu dass Arbeitsamt drei Wochen eingerüstet werden sollte, habe ich letztendlich nicht die Genehmigung bekommen. Aber gut, je höher man bei so einem Projekt pokert, desto größer ist dann auch die Möglichkeit des Scheiterns. Was aber wiederum nicht heißt, dass das Projekt nicht irgendwann mal an einem anderen Ort realisiert wird. Und es hat auch schon eine gewisse Virulenz erreicht, ist diverse Male publiziert und als Konzept ausgestellt worden.

Gerade bei diesem Rixdorfer Projekt gehst Du ja schon genau auf die Armut in diesem Stadtteil ein, indem Du das ins Gegenteil umkehrst. Wie findet man dann solche anderen Ideen? Arbeitet man da mit Übertreibungen oder geht man da methodisch vor?

Wenn man von Methoden sprechen wollte, gibt es sicherlich mehrere Ansätze. Wie gesagt, eines dieser Zentralmomente bei mir ist der Begriff der „Syntaktischen Konfusion“: Dass man also Regelwerke und damit Brüche einbringt. Ein anderes Zentralmoment ist bei mir, was ich mal mit dem Begriff oder mit dem Slogan „Den Erwartungshorizont unterschreiten“ definiert habe. Viele meiner Arbeiten sind so gesehen unsichtbar. Diese Goldpartikel etwa sind nachher auf der Straße gar nicht mehr sichtbar. Sie sind zwar in einem physikalischen Sinne vorhanden, fallen aber eigentlich aus der Wahrnehmung heraus und müssen insofern kommuniziert werden. Nur – was kommuniziert wird, baut in unserer Gesellschaft in der Regel auf ein Spektakel auf. Ich würde dagegen für meine Arbeit teilweise den Begriff des „Antispektakels“ verwenden: Wo ich also den Erwartungshorizont, den die Leute haben, bewusst enttäusche, aber damit auch im Grunde eine Art Sensibilisierung für bestimmte Phänomene erzeuge.

Wie genau gehst Du dann dort vor? Denn was eigentlich so selbstverständlich ist und was die allgemeinen Erwartungen sind, ist ja sehr oft ungelöst. Man erwartet doch eigentlich etwas, was so selbstverständlich ist, dass man das eigentlich gar nicht mehr hinterfragt. Wie kommt man dann genau auf das, was eigentlich so klar ist, dass es einem gar nicht mehr bewusst wird? Oder anders gefragt, wie macht man sich das dann bewusst?

Manchmal ist so etwas natürlich schon eine Form von Übertreibung oder eine Überinformation, so dass ich eigentlich nur die Bedeutung des Ortes aufgreife und verstärke. Zum Beispiel beim Verkehrszeichen: Ich als weißer Querbalken eines „Einfahrt verboten Schildes“. Kurz geschildert: Ich habe mir eine Scheibe von 2 m Durchmesser gesägt. Dann habe ich die Scheibe rot lackiert und mir eine weiße Perfomance-Kluft besorgt, mit Helm, Gummistiefeln und einem weißem Overall. Die Gummistiefel und der Helm waren notwendig, um an den Füßen und dem Kopf – wo man halt schmaler ist – mehr Volumen zu haben und damit diese beiden Schwachstellen auszugleichen, die auftreten, wenn man als menschlicher Körper ein Balken sein will. Dann habe ich mich auf die Scheibe gelegt und mich festschnallen lassen. Anschließend wurde die Scheibe im Stadtgeschehen hochgeklappt. Dies geschah in Bochum auf einer Verkehrsinsel am Bahnhof, wo tatsächlich die Einfahrt verboten war. Das heißt, im Grunde habe ich als Akteur jetzt erst einmal fast nicht gehandelt. Denn Grunde ist das, was ich da zeige, bereits die Bedeutung des Ortes: Hier ist die Einfahrt verboten. Und die Situation bietet sich natürlich auch wegen des Querbalkens für das Querdenkenthema sehr schön an… Aber die ganze Situation kippt dadurch, dass man die Bedeutung des Ortes ein bisschen verstärkt, plötzlich auch ins Absurde.

Teilweise arbeite ich auch mit dem Begriff der Expedition. Andere Leute fahren nach Indien oder Thailand, um eigentlich immer nur das aufzufinden, was für sie von vorneherein bekannt ist. Ich glaube, man kann auch Reisen im unmittelbaren Umfeld unternehmen, wo man aber quasi eine Art Ausstieg wählt, für sich eine Perspektive zu seinem Umfeld wahrnimmt. Insofern ist es für mich immer eine Art Luxus, so eine Aktion zu machen. Eine Art Aufbruch in der Realität. Die Leute, die mich sehen, machen natürlich eine Projektionsleistung. Denn man fragt sich: „Wie sieht die Welt für denjenigen aus, der gerade plötzlich so quer im Stadtraum hängt?“ Für diese Leute öffnet sich die Situation jetzt auch, denn es ist nun nicht mehr nur der Gang von A nach B, wo alles klar ist, sondern plötzlich tut sich da so etwas wie ein Abgrund oder ein Loch auf, etwas, das die Leute teilweise erschreckt und was sie nicht verstehen, was aber gleichzeitig wieder mit einer Art Freiheit verbunden ist und ihnen die Sicht öffnet.

Eine andere Aktion ist die Schaufensterlesung. Sie funktioniert ganz ähnlich. In Istanbul habe ich das letztes Jahr gemacht, dieses Jahr in den Niederlanden in einem kleinen Ort. Auch schon in Basel, Zürich, Stuttgart… Es gehen sieben Leute durch die Einkaufsstraße in der Innenstadt. Jeder hat ein Megaphon und ein T-Shirt, auf dem vorne und hinten „Schaufensterlesung“ steht, immer in der jeweiligen Landessprache. Und jeder liest in einer Art halbautomatischem Leseprozess von den Schaufensterfronten, den Einkaufstüten und T-Shirts der Passanten den Text ab, ohne eigene Worte hinzuzufügen. Es geht nicht darum, Texte von Anfang bis Ende zu lesen, sondern um eine Art Collage, so dass ein eigener Sprachstrang entsteht. Es entsteht dann so etwas wie ein Gedicht der Stadt. Das ist natürlich etwas anderes als die Rixdorfer Vergoldung, die ja eher eine poetische und sehr stille Arbeit ist. Das „Schaufensterlesen“ ist eine sehr lärmige Sache, muss sich aber auch in der Fußgängerzone, da wo es am meisten tobt, behaupten gegen das was da ist. Und greift dieses natürlich auch auf und verstärkt es und wandelt es dabei zugleich um. Insofern tauchen also bestimmte Muster, wie ich arbeite, immer wieder auf, ohne dass ich jetzt sage, es gibt nur das eine.

Inwieweit findet bei den Ideen, die du hast, der Zufall statt?

Wenn man im öffentlichen Raum arbeitet, ist man nie in der Situation, dass man die totale Kontrolle über die Arbeit hat. Es gibt immer mehr Risiken, als wenn man in einem geschützteren Raum, wie im Museum, arbeitet. Gerade im öffentlichen Raum zu arbeiten ist ein großes Abenteuer. Wobei die meisten meiner Arbeiten schon eine sehr klare Konzeption haben. Ich meine, Zufall ist natürlich immer dabei, weil es meistens auch offen ist, was sich dabei kommunikativ ereignet. Wobei natürlich bei so einer Aktion wie der Rixdorfer Vergoldung die Kommunikation vor allem im Vorhinein stattfindet, als der Prozess, mittels dem man versucht, das Geschehen im Bewusstsein zu verankern. Das Eigentliche findet ja dann ja Abseits der Öffentlichkeit statt, eben schwebend in der Luft.

Aber es gibt auch andere Arbeiten, zum Beispiel „Acht Pfund von Freckenhorst, eine plastische Arbeit im öffentlichen Raum“. Ich war eingeladen in Freckenhorst, einem kleinen Ort im Münsterland, etwas zum dortigen Bildhauersymposium beizutragen. Ich denke, die Leute da hatten ursprünglich erwartet, dass ein paar Künstler in den Ort kommen, die dann zwei Wochen an so einem Stein herumhämmern, wie das eben üblich ist, wenn man Künstler in einen Ort einlädt. Oder vor einer Kirche an so einem Holzstamm herumschnitzen und dabei dann irgendwas entsteht. Aber die haben eine Fachjury aus Museumsleuten eingeladen und Journalisten, bei denen man sich dann mit Konzeptvorschlägen bewerben konnte und die am Ende fünf Leute ausgewählt hat, unter anderem mich, um die Arbeiten zu realisieren. Meine Arbeit war auch mal wieder unsichtbar, wenn auch in einem physikalischen Sinne absolut vorhanden als Energieemission. Ich habe nämlich abgenommen, und zwar acht Pfund. Es fand zu Beginn eine öffentliche Wiegung von mir statt und gegen Ende dann wieder, beide Male unter Aufsicht eines Notars und zwei Zeugen. Ich habe das richtig notariell beglaubigt und es wurde auch darauf geachtet, dass ich die gleichen Klamotten anhatte, dass man also darüber auch nicht schummeln kann. Das heißt, es fand also tatsächlich auf dem Marktplatz die Wiegung statt. Man zelebriert es auch richtig als öffentliche Aktion und ich habe dann Freckenhorst auch nicht verlassen, um zu gewährleisten, dass ich die acht Pfund wirklich in Freckenhorst lasse und habe mich sehr viel im öffentlichen Raum aufgehalten, so dass jeder die Möglichkeit hatte sich mit mir zu unterhalten. Und als dann also die Zeit um war und die zweite Wiegung stattfand, wurde festgestellt, dass ich das Gewicht also tatsächlich verloren habe und anschließend habe ich Freckenhorst dann verlassen.

Freckenhorst war für diese Aktion ideal dimensioniert, denn während der Realisationsphase bin ich von vielen Menschen angesprochen worden und ich glaube, auch bei so einer Aktion gibt es eine Art von Maßstäblichkeit. Ebenso wie es in der Malerei ein Art von Maßstäblichkeit gibt, die sich dann in der Komposition niederschlägt. Ich hatte vorher mit einem Künstler aus Berlin gesprochen, den ich sehr schätze, und der meinte: „Acht Pfund ist zu wenig, du musst zwanzig Pfund abnehmen“. Wenn man aber zwanzig Pfund abnimmt, ist man schon wieder wie so ein Guru, der sich auf so ein Nagelbett legt. Also ist man dann wieder derjenige, der Spektakel macht. Das ist auch zu schaffen, aber man ist eben auch gleich wieder in dieser Position, wo die Leute sofort denken: „Super, der schafft so eine Leistung.“ Deshalb war es für das, was ich bezweckte viel besser, acht Pfund abzunehmen. Drei Pfund wären zu wenig, weil die Leute das dann nicht ernst nehmen und sich nicht gedanklich darauf einlassen. 20 Pfund wären bloß noch ein Spektakel und man schafft eine Distanz zu den Leuten, die das dann nur noch bewundern. Aber bei Acht Pfund macht sich jeder eine Relation zu seiner eigenen Körperlichkeit bewusst. Und so ging es eigentlich auch in allen Gesprächen darum, dass die Leute gesagt haben: „Acht Pfund würde ich auch gern mal abnehmen.“ Oder dass sie mir Tipps gaben, wie man das abnehmen konnte.

So hatte ich also relativ viel Kommunikation bei dieser Aktion gehabt und das ist natürlich bei so einer Arbeit sehr wichtig. Und genau dabei eröffnet sich so eine Art Zufälligkeit. Das war auch sehr spannend bei dem Prozess, aber der eigentliche Aktionsrahmen ist trotzdem sehr definiert. Und das ist bei meinem Arbeiten häufig. Es gibt wenig Arbeiten von mir, die ganz offen waren, wo ich also nur so eine Art Parameter bereitgestellt habe und man dann schaute, was so passiert, wie zum Beispiel beim „Botanischen Lehrpfad Karl-Marx-Straße“. Meistens hingegen habe ich vor allem das Resultat im Blick.

Wenn diese Ideen bei Dir entstehen, ist das dann eher plötzlich oder gehst Du systematisch vor? Man muss ja auf so etwas wie dein Beispiel von Freckenhorst erst einmal kommen…

So genau kann ich das gar nicht sagen. Das eigene Hirn wirkt zwar einerseits wie ein Filter –ich schreibe mir wenig auf, wie Pläne oder so etwas. Denn wenn ich meine, dass mir etwas wichtig ist, dann taucht das auch wieder auf und meistens in einer Transformation, bei der man dann sagt, jetzt passt es auch. So wie bei der Verkehrszeichenaktion, die ich ursprünglich auf einen Ort hin entwickelt hatte, ohne jeden Auftrag, die ich dann allerdings an einem anderen Ort realisiert hatte. Irgendwann merkte ich, dass mir die Aktion selber extrem wichtig wurde und wo ich dann gezielt nach Gelegenheiten gesucht habe, um sie realisieren zu können. Andererseits ist es eben so, dass, wenn ich dann einen Auftrag bekomme, ein Motor aktiviert wird. Man kann ja gar nicht sagen, man wird jetzt eine Idee haben, dass ist natürlich auch manchmal mit Unzufriedenheit verbunden, wo man denkt: „Mist, ich habe keine Idee und es kommt nichts.“ Aber ich denke, dass dabei im Kopf eine Art Fokussierung stattfindet, dass man dann wirklich jeden Stein gedanklich umdreht, bis man schließlich unter einem dieser Dinge eine Idee gefunden hat.

Letztes Jahr zum Beispiel hatte ich für das Museum Bochum den „Mythos-Grill“ ausgestellt. Dabei handelt es sich um eine Pommesbude, die ich betreibe, und die auch schon an anderen Orten ausgestellt wurde. Ich hatte, als ich noch Kunstgeschichte studierte, irgendwann mal angefangen, einen Aufsatz über griechische Pommesbuden zu schreiben, das war nur eine Seite mit Stichworten und ist nie zu der Hausarbeit, die ich schreiben wollte, geworden, weil ich einfach das Gefühl hatte, dass ich offenbar noch nicht die Form gefunden habe, wie ich mit dem Thema umgehen wollte.

Trotzdem arbeitete das Thema in mir weiter. Es interessiert mich u. a. welche Transformation stattfindet, wenn eine Säule keine Säule mehr sondern eine Klebeform auf einer Schaufensterscheibe, also ihr eigentlich das, was eine Säule auszeichnet – nämlich die Dreidimensionalität und das Tragende – entglitten ist, sie aber trotzdem als Säule wahrgenommen wird.

Zehn oder fünfzehn Jahre später führte dieses Interesse dann zur Gründung des Mythosgrills. Und da bin ich dann manchmal selbst überrascht, denn als ich den Mythosgrill gegründet habe, habe ich an diesen Entwurf der Hausarbeit nie gedacht, sondern ihn später einmal im Keller meiner Mutter gefunden und gedacht: „Ach ja, da warst du ja schon mal an dem Thema dran.“

Ist es dann erst einmal im Gedanken bei Dir so, dass Du etwas Theoretisches hast, was Du gern ausdrücken willst und was Du dann praktisch konkret ausgestaltest?

Eigentlich nicht, beziehungsweise wenn, dann läuft beides verschränkt ineinander. Jetzt hier bei dem Mythosgrill war ich selbst überrascht, da gab es schon einmal eine Beschäftigung, die mir zeigt, dass ich das Phänomen also spannend finde. Oft ist es aber so, dass ich erst das Bild habe, also erst die visuelle Vorstellung, wie bei dem Verkehrsschild oder ich habe eine andere Idee, ich würde gern mal eine Telefonzelle unter Wasser setzen und als Taucher da drin stehen. Weil ich aber ein analytischer Mensch bin, frage ich mich, warum war dir das jetzt so wichtig und komme dann auch oft zu Erklärungen, aber es ist in der Regel so, dass ich erst einmal das Bild im Kopf habe, eher so eine visuelle Vorstellung habe. Und das ist dann meist der Ausgangspunkt.

Auch bei dieser einen Geschichte mit Berlin, mit dem Goldstaub?

Ja, eigentlich sah ich mich da erst so rüberschweben, natürlich auch mit dem Gedanken, in diesem Umfeld gerade nicht als Sozialarbeiter zu agieren, vielleicht auch erst einmal diese Erwartungen zu enttäuschen, also erst einmal die Vorstellung, das ich das schön fände. Es ist mir klar, dass viele Leute meine Arbeiten nicht mit dem Begriff der Schönheit in Verbindung bringen, aber ich denke, dass es auch so eine Art Schönheit des Denkens gibt.

Du sagst ja auch, dass manche Arbeiten die Leute sehr teilen in dem, wie sie dann darüber denken. Ist es Absicht bei dem, was Du machst, dass das die Leute spaltet? Man kann sich ja beispielsweise trotzdem drüber streiten, ob man die 1.000 Euro für das Gold ausgeben sollte?

Ja, wie gesagt, es geht mir bei dem Kommunikationsprozess, speziell jetzt bei diesem Projekt, darum, dass man auch versucht zu deeskalieren. Im Grunde sind 1000 Euro keine Summe für Kunst in diesem Rahmen. Und ich glaube, dass ich da sehr vielen Leute eine Geschichte gebe, die sie hoffentlich auch als eine Bereicherung empfinden werden. Es ist mir aber natürlich klar, dass es immer auch Leute geben wird, die meine Arbeit beschimpfen. Es ist sicher auch gar nicht so sehr das Geld, sondern meist sind es Scheinrationalisierungen. Oft ist es so, dass das, was ich mache, etwas ist, was die Leute nicht verstehen und es gibt eben die Leute, die das also als Bereicherung sehen und die das nicht ängstigt und es gibt eben auch Leute, die das ängstigt. Aber so grundsätzlich muss ich sagen, dass es nicht meine Zielsetzung ist, dass alle Leute meine Arbeiten gut finden, es ist aber definitiv auch nicht meine Zielsetzung zu provozieren, sondern ich bin der Meinung, ich mache Angebote und die Leute müssen ihre Haltung dazu finden und die einen sind halt erfreut und die anderen eben verärgert.

Also die Aufmerksamkeit für das Projekt ist schon ein Faktor, der eine Rolle spielt?

Ja, natürlich gibt es Sachen, die vielleicht nur eine ganz kleine Minderheit interessieren. Es gibt aber auch Projekte die sehr komplex sind und welche – weil sie sogar unsichtbar sind – nur durch Kommunikation entstehen, wie zum Beispiel die „Acht Pfund für Freckenhorst“. Die eigentliche Energieemission ist ja nicht sichtbar. Sichtbar bin nur ich, bzw. mein Dünnerwerden und das Resultat, wenn ich auf der Waage stehe. Die eigentlich Arbeit muss aber im Bewusstsein realisiert werden und das geht natürlich nur, wenn tatsächlich ein Kommunikationsprozess stattfindet. Acht Pfund für Berlin zum Beispiel wäre nicht so gut, weil es wahrscheinlich im allgemeinen Informationsrausch dort untergehen würde. In Freckenhorst war es tatsächlich Ortsgespräch. Das heißt, sie hat sich tatsächlich auf einer geistigen Ebene manifestiert, diese Skulptur. Und ich meine, es gibt sicherlich auch Leute, die sagen: „Die Arbeit finde ich doof.“ Aber sie erinnern sich in zehn Jahren noch daran, was sie vielleicht von einer Arbeit, zu der sie vielleicht mal gesagt haben: „Die finde ich gut“ nicht mehr tun. Ich glaube, dass es eine andere Nachhaltigkeit hat und auch Leute, die im ersten Impuls vielleicht sagen, damit kann ich nichts anfangen, in denen arbeitet das weiter.

Ein anderes Beispiel: Ich war mal in einer Schule eingeladen, um dort etwas zu machen und ich denke, die Lehrer hatten die Vorstellung, dass die Künstler mit den Kindern reichlich Stromkästen anmalen mit Friedensmotiven und anschließend steht in der Zeitung, dass sich die Kinder nichts mehr wünschen als den Weltfrieden. Dann haben Sie aber einen Kurator beauftragt und der hatte die Vorstellung, dass man eben normale Kunst macht und anschließend mit den Kunstkursen darüber spricht, was ich auch nicht so spannend fand, unter dem Aspekt, dass das die Schüler auch nicht interessiert. Der Ausgangspunkt meines Überlegens war wirklich die ganze Zeit die Frage: „Wie kann ich es schaffen, dass die Schüler sich für das, was ich mache, interessieren?“ Und so kam ich darauf, mit dem Hubschrauber zu kommen. Ich befürchtete zwar, der Kurator würde mich für wahnsinnig erklären, wenn ich ihm mit der Idee käme. Das war aber dann gar nicht der Fall, sondern er war total begeistert. Und es war dann so, dass ich mit dem Hubschrauber in der Schule gelandet bin, was nicht so einfach war, weil man eine Sondergenehmigung brauchte. Es war vorher auch gar nicht annonciert, was ich mache, ich habe mich da auf Gerüchte verlassen. Sprich, einige Schüler haben dem Hausmeister geholfen, einen Landeplatz abzusperren und die haben auch gefragt: „Warum tun wir das?“ Und so kamen dann auch die Gerüchte auf. Die Erwartungen gingen dann in die Richtung, dass ich aus dem fliegenden Hubschrauber Bungee springe. Ich habe da also diese Erwartungshaltungen aufgebaut und es kam dann zu diesen so genannten Enttäuschungen, da ich dann einfach nur mit meinem Sportdress, auf dem stand: „Nicht für die Schule, fürs Leben lernen wir“ aus dem Hubschrauber ausgestiegen bin und vier einfache Turnübungen gezeigt habe. Dann bin ich wieder im Hubschrauber davongeflogen. Und ich denke, wenn man die Schüler im ersten Moment gefragt hätte, hätte wahrscheinlich jeder gefragt, was das jetzt sollte. Ich habe mich in diesem Fall allerdings geweigert zurückzukommen und mich zu erklären. Eben absolut nicht dieses Hierarchische, – der Zampano macht etwas, das keiner kann – sondern jeder konnte diese simplen Turnübungen machen. Nicht die Struktur, die man in der Schule sonst immer hat, wenn der Lehrer daherkommt und sagt: „Ihr seid so doof, ich zeige euch jetzt was.“ Es gab noch einen anderen Künstler, der in dieses Projekt eingebunden war und dort zwei Wochen Betonarbeiten machte und der total entnervt war, weil die ganze Zeit die Kinder zu ihm kamen und gar nicht wissen wollten, was er da gerade machte, sondern immer nur wissen wollten, was der Typ mit dem Hubschrauber wollte. Daran sieht man ja, dass sie das offenbar sehr nachhaltig beschäftigte.

Vielen herzlichen Dank, Matthias, dass Du uns Einblicke in Deine Projekte gegeben hast, und für das interessante Gespräch zum Thema Querdenken!

 

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